Bereits am Nachmittag stimmte eine Führung über den Hof Loheland mit Leiterin Hannah von Bredow auf das Thema ein: Mehr als 30 Interessierte nutzten die Gelegenheit, Stall, Garten und die pädagogische Arbeit vor Ort kennenzulernen – inklusive gerade erst geborener Lämmchen. Beim anschließenden Austausch bei Kaffee und Kuchen im Franziskusbau ergaben sich viele Gespräche und Wiedersehen; einen stimmungsvollen Rahmen setzten ein Volkstanz der 7. Klasse unter der Leitung von Annette Flemming sowie ein Musikbeitrag der Familie Alegret-Schupelius. Am Abend begrüßte Vorstandsmitglied Thomas Peffermann die Gäste im voll besetzten Saal. Unter ihnen war auch der Künzeller Bürgermeister Timo Zentgraf.
„Das Wunder in der Wüste” – Impulse von Helmy Abouleish
In seinem Vortrag „Biodynamische Landwirtschaft – eine Entwicklungsaufgabe für den Menschen“ nahm Helmy Abouleish die Zuhörenden mit auf die 49-jährige Entwicklungsgeschichte der ägyptischen Initiative „Sekem“ – vom visionären Wüstenprojekt hin zu einem umfassenden Modell für nachhaltige Entwicklung. Er zeigte, welche Faktoren dieses „Wunder in der Wüste“ möglich machten: biodynamische Landwirtschaft und Kompostwirtschaft, der Aufbau einer transparenten, fairen Wirtschaft („Economy of Love“), lebenslanges Lernen, kulturelle und künstlerische Angebote sowie Räume, in denen Mitarbeitende ihre individuellen Potenziale entfalten können – bis hin zu fest verankerter „kreativer Zeit“, die zehn Prozent der Arbeitszeit umfasst. Mit der Vision 2057 verfolgt „Sekem“ das Ziel, einen Großteil der ägyptischen Landwirtschaft auf biologisch-dynamische Wirtschaftsweise umzustellen. Bereits heute wirtschaften rund 40.000 Bäuerinnen und Bauern mit Unterstützung von „Sekem“ biologisch-dynamisch.
Podiumsdiskussion: Landwirtschaft als Lernort für Zukunftskompetenzen
Nach einer kurzen Imbisspause mit Gelegenheit zum persönlichen Austausch mit Helmy Abouleish wurde der Abend mit einer Podiumsdiskussion fortgesetzt. Auf dem Podium saßen: Hannah von Bredow (Leiterin Hof Loheland), Prof. Dr. Marcelo da Veiga (Vorstandsmitglied der Loheland-Stiftung, Gründungsdirektor der Alanus Hochschule, Leiter des Instituts für Bildung und gesellschaftliche Innovation in Bonn), Dr. Manfred Schulze (Betriebsleiter Hof Hauser), Martin von Mackensen (Betriebsleiter Dottenfelderhof) und Angela Hoffmann („Sekem“). Die Moderation übernahm der Geschäftsführer der Loheland-Stiftung, Dr. Maximilian Abou El Eisch-Boes.
Unter der Leitfrage „Wie verbinden wir biodynamische Landwirtschaft und Bildung so, dass daraus konkrete Zukunftskompetenzen entstehen – für Menschen, Betriebe, Kinder/Jugendliche und Regionen?” berichteten die Podiumsgäste aus ihrer Praxis: von Hofunterricht mit Grundschulklassen, über langjährige Jugendhilfe-Erfahrungen auf dem Bauernhof bis hin zu Studiengängen, in denen landwirtschaftliche Praxis ebenso wichtig ist wie akademische Inhalte. Immer wieder ging es um die Frage, welche Fähigkeiten Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene durch die Arbeit mit Erde, Tieren und Pflanzen entwickeln: Wahrnehmungsfähigkeit, Teamarbeit, Verantwortungsübernahme, Durchhaltevermögen – und ein anderes Verhältnis zur Natur.
Von Biophobie zu Biophilie: Naturbeziehung als Bildungsaufgabe
Prof. Dr. Marcelo da Veiga griff aktuelle Debatten um „Future Skills” und die wachsende Entfremdung von der Natur auf. Studien zeigten, dass Menschen zunehmend Angst oder Ekel vor Naturerfahrungen entwickeln – Stichwort „Biophobie“. Dem stellten die Podiumsgäste die Erfahrung gegenüber, dass Kinder am Hof meist schnell Vertrauen fassen, wenn sie Schritt für Schritt Verantwortung übernehmen dürfen: etwa wenn Kühe aus der eigenen Hand fressen oder ein Beet gemeinsam bestellt und geerntet wird. Mehrfach wurde betont, dass biodynamische Landwirtschaft, Hofpädagogik und Handlungspädagogik keine nette Ergänzung zum regulären Unterricht seien, sondern eine Bildungs- und Gesundheitsfrage: Naturkontakt, sinnvolle Tätigkeit und Gemeinschaftserlebnisse stärken nachweislich Resilienz, Urteilsvermögen und Empathie.
Netzwerkgedanke und Ausblick im Jubiläumsjahr
In der Abschlussrunde formulierten die Podiumsteilnehmenden den Wunsch nach stärkerer Vernetzung: Höfe, Schulen, Jugendhilfeeinrichtungen, Forschung und Politik müssten enger zusammenarbeiten, um Lernorte in der Landwirtschaft langfristig abzusichern – personell, finanziell und rechtlich. Netzwerke wie Lernort Bauernhof und internationale Beispiele wie „Sekem“ könnten hierfür wichtige Bezugspunkte sein. Mit der Auftaktveranstaltung in Loheland ist der Startschuss für ein ganzes Jubiläumsjahr gefallen. Weitere Vorträge, Seminare und Kooperationsprojekte rund um „100 Jahre biodynamischer Anbau“ sind in Vorbereitung. Begleitend ist derzeit im Vonderau Museum Fulda die Ausstellung „Tomate und Mond“ zur frühen Fotodokumentation des biodynamischen Anbaus in Loheland zu sehen, die den historischen Bogen des Jubiläums anschaulich macht. Die Loheland-Stiftung versteht das Jubiläum zugleich als Einladung, gemeinsam weiterzudenken: Wie können regionale Höfe zu Lernorten für eine zukunftsfähige Landwirtschaft und Gesellschaft werden – von der Kindheit bis in die Erwachsenenbildung?
