Lokales 17.04.2026

Miniaturwelten – Fotoausstellung auf Schloss Fasanerie eröffnet

Eichenzell (pm/gü) – Surreal, humorvoll und tiefgründig: Die Fotoausstellung „Frank Kunert: Miniaturwelten – Räume des Unmöglichen" zeigt den Alltag aus einer anderen Perspektive. Ab Samstag und dann bis 5. Juli sind im historischen Badehaus von Schloss Fasanerie Arbeiten eines der bekanntesten deutschen Fotografen im Bereich der inszenierten Miniaturfotografie zu sehen. Vertraute architektonische Situationen geraten dabei aus dem Gleichgewicht und fordern dazu auf, Wahrnehmung und Wirklichkeit zu hinterfragen. Am Freitag wurde die Ausstellung mit einem Empfang eröffnet.

Von links: Floria Landgräfin von Hessen, Dr. Markus Miller, Frank Kunert und Donatus Landgraf von Hessen. Foto: Christine Görlich.

„Ich glaube, es wird eine sehr spannende Ausstellung“, sagte Donauts Landgraf von Hessen. „Wir knüpfen damit ein wenig an unsere Tradition an, auch kleinen Dingen eine große Bühne zu geben“, verwies er auf eine andere Ausstellung vor einigen Jahren. Miniaturwelten üben seit jeher eine besondere Faszination aus: Sie erlauben einen Blick auf die Realität im Kleinformat – präzise, reduziert und zugleich überraschend. Der Fotograf und Modellbauer Frank Kunert nutzt diese Wirkung, um alltägliche Situationen ins Groteske zu ziehen und Sehgewohnheiten zu hinterfragen. Was auf den ersten Blick normal erscheint, entlarvt sich bei näherem Hinsehen als unmöglich, widersprüchlich oder beunruhigend.

Die Ausstellung wurde von Donatus Landgraf von Hessen mit einem Empfang feierlich eröffnet. In seiner Ansprache würdigte der Hausherr das Schaffen Frank Kunerts und betonte die besondere Verbindung von handwerklicher Präzision, feinsinnigem Humor und inhaltlicher Tiefe. Kunerts Schau gibt einen Querschnitt aus rund 25 Jahren künstlerischen Schaffens. Seine Fotografien zeigen menschenleere Architektur: Innenräume, Fassaden, Balkone oder Treppenhäuser, die sinnbildlich für das Menschliche stehen. „Ich bilde das Absurde im menschlichen Leben ab – ohne Menschen zu zeigen", sagt der Künstler. Viele Szenen wirken, als seien sie gerade erst verlassen worden oder als stünde ein Auftritt unmittelbar bevor. Die Abwesenheit von Menschen macht die Orte umso eindringlicher.

Jeder Fotografie geht der Bau eines eigenständigen Miniaturmodells voraus. Kunerts Arbeiten entstehen im Studio. Für jedes Motiv wird eine eigene Kulisse gebaut; in mühevoller Handarbeit entstehen über Wochen oder Monate hinweg detailreiche Modelle, die architektonische Motive mit erzählerischer Tiefe verbinden. Aus Leichtschaumplatten, Holz, Pappe und Farbe entstehen Fassaden, Innenräume und Alltagssituationen. Es wird verputzt und gefliest, Böden werden verlegt, Fenster eingesetzt, Dächer gedeckt und Bäume gepflanzt. Farbschicht um Farbschicht trägt der Künstler auf, bis Gebrauchsspuren und Zeit sichtbar werden.

Der Einfallsreichtum ist dabei nahezu grenzenlos: Aus Tortenspitzen werden Gardinen, aus Salz Schnee, aus Watte Wolken. Zwischen zwei und vier Monaten reift eine Idee, bis sie als Modell gebaut und schließlich fotografisch festgehalten wird. Erst nach sorgfältiger Ausleuchtung hält der Künstler die finalen Motive fest. Kunert arbeitet ohne Fotomontagen; die Wirkung seiner Bilder beruht allein auf gebauter Realität, Perspektive und Licht. Bis 2018 fotografierte er analog, heute digital – der handwerkliche Ansatz ist dabei konstant geblieben. Auch Künstliche Intelligenz spielt in seinem Schaffensprozess keine Rolle. „Ich habe den Eindruck, dass die Wertschätzung für Kunst wächst, die sichtbar durch handwerkliche Prozesse geprägt ist", beobachtet Kunert. Im Mittelpunkt stehen architektonische Unmöglichkeiten, die menschliche Bedürfnisse, gesellschaftliche Routinen und Sehnsüchte spiegeln. Kunerts Miniaturwelten sind keine bloße fotografische Satire. Sie sind räumlich gebaute Denkspiele, in denen Humor und Tragik dicht beieinander-liegen. Museumsdirektor Dr. Markus Miller beschreibt Kunerts Arbeiten als „Werke, die mit feinem Witz beginnen und sehr schnell existenziell werden – Bilder, die man nicht nur betrachtet, sondern gedanklich weiterführt". Dr. Markus Miller wurde durch Kunerts unverwechselbare Bildsprache auf den Künstler aufmerksam.

Ein prägnantes Werk dieser Schau, die mehr als 40 Fotografien und 14 Miniaturmodelle umfasst, ist „Mit Balkon". Ein mehrstöckiges Mietshaus, graubeige Tristesse: An den Balkonbrüstungen liegen Teppiche, ein Blumenkasten steht bereit, ein Liegestuhl wartet – ein vertrauter Anblick. Erst auf den zweiten Blick wird klar, dass alle Balkontüren ins Leere führen und die Balkone selbst keine Zugänge haben. Kunert führt hier den Fokus auf scheinbare Lösungen ad absurdum. „Man konzentriert sich auf ein Bedürfnis", erklärt er: „Und vergisst dabei alles andere, was eigentlich auch dazugehört."

Zu sehen ist in der Ausstellung auch die Fotografie Topetage", mit der auf Plakaten und Flyern für die Ausstellung geworben wird. Wie viele Arbeiten Kunerts thematisiert sie die architektonischen Unmöglichkeiten und gesellschaftliche Sehnsüchte nach Status und Exklusivität. Mit schwarzem Humor und leiser Melancholie entlarvt das Werk den Wunsch nach dem „besten Platz" als fragile Konstruktion. Persönliche Einblicke in die Ideen hinter den Miniaturwelten bietet Frank Kunert auch bei einer Führung am Sonntag, 5. Juli, um 15 Uhr.

 

Über den Künstler

Frank Kunert wurde 1963 in Frankfurt am Main geboren. Bereits als Jugendlicher begann er zu fotografieren, zunächst mit einem Interesse an Landschaftsaufnahmen. Nach dem Abitur absolvierte er eine Ausbildung zum Fotografen und arbeitete anschließend für Industrie und Werbung. Seit den frühen 1990er Jahren entwickelt er seine charakteristischen Miniaturwelten, in denen Architektur zur Metapher menschlicher Zustände wird. Frank Kunert ist ein international gefeierter Künstler. Seine Werke wurden in Museen und Galerien im In- und Ausland gezeigt, unter anderem in Hamburg, Straßburg und New York, und in mehreren Bildbänden veröffentlicht. Für sein Schaffen erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter die Silbermedaille beim Biennial Dimensional Salon in New York und den Deutschen Fotobuchpreis.

 

Film im historischen Badehaus

Begleitend zur Ausstellung wird im historischen Badehaus ein Film des Südwestrundfunks gezeigt, der Frank Kunert bei der Arbeit an seinen Miniaturkulissen begleitet. Der Beitrag veranschaulicht den langwierigen handwerklichen Entstehungsprozess und gibt Einblick in die Inszenierung und fotografische Umsetzung der Modelle.

 

Öffnungszeiten Ausstellung

18. April bis 5. Juli 2026

Freitag bis Sonntag und an Feiertagen von 11 bis 17 Uhr

Eintritt: 3,50 Euro / 2,50 Euro (ermäßigt*) / Kinder unter 14 Jahren frei Für Besucherinnen und Besucher des Museums Schloss Fasanerie ist der Eintritt in die Fotoausstellung kostenfrei.

Führung mit dem Künstler: Sonntag, 5. Juli, 15 Uhr

Preis: 5,50 Euro / 4 Euro (ermäßigt*)

Führungen für Gruppen nach Vereinbarung (max. 15 Personen): 135 Euro

*Schüler und Studierende unter 26 Jahren, Schwerbehinderte (mit gültigem Ausweis)

Tickets sind erhältlich im Onlineshop unter www.schloss-fasanerie.de sowie an der Museumskasse von Schloss Fasanerie.