Das Orchester der Freiwilligen Feuerwehr Dirlos unter der Leitung von Klaus Roth eröffnete den Abend mit ruhigen, getragenen Melodien. Immer wieder griff der Chor Chorus 36 mf, geleitet von Thorsten Pirkl, diese Stimmung auf und setzte mit seinen klaren, warmen Stimmen musikalische Akzente, die die Atmosphäre des Gedenkens noch vertieften.
Schon beim Zusammenkommen der Anwesenden war spürbar, dass dieser Ort an diesem Tag eine besondere Bedeutung trägt. Til Plur, Auszubildender der Gemeindeverwaltung, leitete den offiziellen Teil der Gedenkfeier ein – und setzte gleich zu Beginn einen Ton, der weit über den historischen Anlass hinauswies. Er erinnerte an eines der größten Unglücke der Menschheitsgeschichte, dem rund 3,5 Prozent der damaligen Bevölkerung zum Opfer fielen. Doch Zahlen allein genügten nicht, betonte er: „Hinter jeder Zahl steht ein Schicksal, eine Familie.“ Plur machte deutlich, dass Frieden und Freiheit kostbare Güter seien – gerade heute, da in Europa wieder Krieg herrsche und Menschen auf der Flucht seien. Erinnerung bedeute Verantwortung, und diese richte sich nicht nur in die Vergangenheit stellte Plur klar: „Erinnerung bedeutet mehr als nur zurückzuschauen; sie ist ein Auftrag, wachsam zu bleiben, wenn Hass wieder laut wird.“ Sein Appell war unmissverständlich: Das Erbe der Menschlichkeit sei jeden Tag neu zu bewahren.
Im Anschluss wandte sich Diakon Wolfgang Gärtner an die Versammelten. Er eröffnete seine Ansprache mit einem Zitat von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier aus dem Jahr 2014: „Die Welt ist aus den Fugen geraten.“ Seitdem habe sich die Lage, so Gärtner, „dramatisch weiter verschlechtert“. Er nannte den Krieg in der Ukraine, die Kämpfe im Gazastreifen, die Krisen in Nigeria, der Demokratischen Republik Kongo und in Mali – Regionen, in denen Angst, Vertreibung, Hunger und Tod zum Alltag der Zivilbevölkerung gehören. Nach Zahlen des Friedensforschungsinstituts Oslo sei das Jahr 2024 mit 61 staatlichen Konflikten in 36 Ländern das gewaltsamste Jahr seit über sieben Jahrzehnten gewesen.
Für Gärtner war der Volkstrauertag deshalb nicht nur ein stilles Erinnern, sondern auch eine Mahnung, die eigene Haltung zu hinterfragen: Wie reagieren wir heute auf Gewalt, Terror und Krieg? Wie schützen wir Frieden? Nichts davon sei selbstverständlich. Gärtner warnte vor Machtansprüchen, nationalem Egoismus und rassistischem Gedankengut. Gedenktage wie dieser und Denkmäler wie das Ehrenmal seien wichtige Orte, um Erfahrungen der Vergangenheit für kommende Generationen zu bewahren – und um zu erkennen, welche Verantwortung daraus erwachse. Menschlichkeit und Versöhnung müssten Leitmotive bleiben, betonte er.
Nach der Ansprache wurde es noch einmal ganz still. Bürgermeister Timo Zentgraf und Ortsvorsteher Eugen Heidelmeier traten vor und legten den Kranz am Ehrenmal nieder. Musikalisch begleitet wurde dieser Moment von den Stücken „Ich hatt’ einen Kameraden“, gespielt vom Orchester der Freiwilligen Feuerwehr Dirlos – Musik, die den Ernst und die Würde des Augenblicks verdeutlichte.
Zum Abschluss richtete Bürgermeister Zentgraf persönliche Worte an die Anwesenden. Er dankte Ortsvorsteher Heidelmeier ausdrücklich „für das Mittun bei der Kranzniederlegung“ und sprach allen Teilnehmenden seinen Dank für ihr Kommen aus. Die Gedenkfeier in Künzell zeigte eindrucksvoll, wie wichtig Orte der Stille und des Erinnerns sind. Gerade in einer Zeit globaler Krisen und wachsender Unsicherheit wird deutlich, dass Frieden nicht selbstverständlich ist – sondern eine Aufgabe, die jede Generation aufs Neue annehmen muss.
