Lokales 08.08.2025

Zeitreise auf Schloss Fasanerie – Spannende Einblicke ins Rokoko

Eichenzell (sim) – Federtinte, Fechtschule und Fernweh: Noch bevor die ersten Besucher das Gelände der Fasanerie betreten, herrscht im Obstgarten von Schloss Fasanerie reges Treiben. Es riecht nach frischem Gras, irgendwo schlägt ein Hammer auf Holz, Stoffbahnen rascheln im Wind, und zwischen Zelten, Kisten und Uniformen entstehen kleine Fenster in eine Zeit, die längst vergangen scheint – oder doch nicht? Am Samstag und Sonntag können Besucher viel neues lernen.

Selbst die Kleinsten sind schon voll dabei Foto: Silas Messing

Andreas Clemens, Mitorganisator der Zeitreise, in voller Montur. Foto: Privat

Wer glaubt, dass historische Reenactments reine Kostümspektakel sind, erfährt  bei der „Zeitreise ins 18. Jahrhundert“ schnell eine andere Perspektive. Andreas Clemens, Mitorganisator der Veranstaltung und selbst Darsteller, wirkt trotz vieler letzter Handgriffe vor dem Start erstaunlich gelassen. Zwischen Fechtschule, Stallungen und Zelten ist er Ansprechpartner, Koordinator – und immer auch Geschichtsvermittler aus Leidenschaft. „Das muss man wirklich leben“, sagt er, während er die Ankunft der letzten Teilnehmer erwartet. Viele sind schon da, einige hängen im Verkehr fest. Die Anreisen sind lang, nicht nur innerhalb Deutschlands – in diesem Jahr ist wohl die Gruppe aus der Nähe von Venedig die mit der weitesten Strecke.

Das Gelände des Schlosses verwandelt sich an diesem Wochenende in ein lebendiges Museum. Für viele der Beteiligten beginnt die Zeitreise allerdings nicht erst mit dem ersten Besucher, sondern Tage vorher. Zelte werden aufgebaut, Uniformen sortiert, das Gelände vorbereitet. „Das eigene Lager aufzubauen, ist mittlerweile Routine“, erzählt Clemens. Schwieriger wird es bei spontanen Änderungen. „Manche melden sich an und kommen nicht, andere kommen unangekündigt – und wegschicken will man niemanden.“ Die historischen Tore für die Besucher werden Samstag und Sonntag jeweils von 11 bis 18 Uhr geöffnet. 

Die Zeitreise geht dieses Jahr in ihre 25. Ausgabe. Ganz sicher sind sich die Veranstalter dabei nicht, denn es gab Pausen – zwei Mal wegen Corona, ein weiteres Mal Anfang der 2000er. Trotzdem zählt: Seit rund einem Vierteljahrhundert bringt die Veranstaltung Geschichte zum Leben. Clemens selbst ist seit 2011 Teil des Hobbys, seine erste Zeitreise erlebte er 2012. Und geblieben ist er, weil es mehr ist als eine Freizeitbeschäftigung. „Es ist schon eine Art Philosophie. Man sucht sich eine Darstellung aus, die einen interessiert, und versucht dann nachzuempfinden, wie das wohl gewesen ist.“ Vollständig gelingen wird das nie, das weiß er selbst. „Wir sind anders aufgewachsen als die Menschen damals. Aber es geht um ein Gefühl, eine Annäherung.“

Seine Inspiration für das Hobby kam aus Nordamerika. Dort begegnete er bei Besuchen der Familie in Kanada sogenannten Living Museums – Museen, in denen Darsteller in historischen Gewandungen Geschichte erlebbar machen. „Da steht man nicht nur vor Tafeln, sondern kann gezielt Fragen stellen. So ist das Ganze auch für uns lebendig geworden.“ Die Idee, das in Deutschland umzusetzen, ließ ihn nicht mehr los. So kam er zur Gesellschaft für hessische Militär- und Zivilgeschichten – der Rest ist, wie er sagt, Geschichte.

Das Gelände des Schlosses Fasanerie bietet für dieses Vorhaben den perfekten Rahmen. Der Obstgarten, normalerweise für die Öffentlichkeit nicht zugänglich, wird für das Wochenende zur Kulisse des Rokokos. Die Architektur des 18. Jahrhunderts bildet den dauerhaften Hintergrund. „Das Ambiente ist ein Privileg“, sagt Clemens. „Das bekommt man so kein zweites Mal.“

Insgesamt werden rund 400 Darsteller erwartet. Sie stellen nicht nur Soldaten und Offiziere dar, sondern auch Händler, Handwerker und Bürgerliche. Wer durchs Lager schlendert, trifft auf fachkundige Auskunft, kann sich Tänze zeigen lassen oder den Umgang mit historischen Waffen erklären lassen. Es gibt wieder Pferde auf dem Gelände, das klassische Gefecht, das traditionelle Adlerschießen – dieses Jahr ohne Zauberer, dafür mit vielen Mitmachaktionen für Kinder. Eine Darstellerin bringt meist Feder und Tinte mit, um zu zeigen, wie damals geschrieben wurde.

Trotz der Ernsthaftigkeit in der Darstellung bleibt das Miteinander familiär. Der Altersdurchschnitt steige zwar, so Clemens, weil der Nachwuchs fehle – aber es sei immer noch bunt gemischt. Manche Darsteller decken mehrere Epochen ab, was zu Terminüberschneidungen führen kann. Doch der Kern bleibt. Wer einmal dabei war, kommt oft wieder: „Es sind nicht immer dieselben, aber es fühlt sich vertraut an.“

Das Wetter spielt dieses Jahr mit – trocken, um die 20 Grad. Ganz im Gegensatz zu früheren Jahren, in denen es über 30 Grad heiß wurde oder Regen die Besucherzahlen drückte. Jetzt stehen die Zeichen auf ein gelungenes Wochenende. Die allererste Zeitreise fand übrigens noch nicht im heutigen Obstgarten statt, sondern weiter unten, bei den Wachhäusern nahe der Straße. Damals gab es noch Probleme mit alten Bäumen und herabfallenden Ästen bei Wind. Der heutige Ort ist sicherer – und stimmungsvoller. Wer das Wochenende besucht, erlebt Geschichte nicht aus dem Schulbuch, sondern mitten im Leben. Und wenn ein Scharfschütze in grüner Uniform erklärt, dass seine Einheit damals gar nicht vorrangig in erster Linie zum Kämpfen da war, sondern andere Aufgaben hatte – dann wird klar, was Clemens meint, wenn er sagt: Geschichte muss man fühlen, nicht nur verstehen.

Aufbau für die Zeitreise auf Schloss Fasanerie. Fotos: Silas Messing